Der Gulag war der Moloch, der Menschenopfer forderte

Ein Gefangener des Gulag
Warlam Schalamow:“Linkes Ufer“, Matthes & Seitz Verlag

Als der Verlag Matthes & Seitz 2007 eine Werkausgabe des russischen Schriftstellers Warlam Schalamow ankündigte, erschien das Projekt als verlegerisches Wagnis: Ein nahezu unbekannter Autor und das schreckliche Thema der sowjetischen Straflager. Der erste Band ist bereits in der vierten Auflage erschienen – eine schöne Bestätigung für den Verlag und eine späte Würdigung des Autors. Nun ist der zweite Band der „Erzählungen aus Kolyma“ unter dem Titel „Linkes Ufer“ erschienen.

Von Brigitte van Kann

TextAuszug :

Gegenüber dem ersten Zyklus „Durch den Schnee“ zeigt Schalamow hier nicht nur „gesichts- und geschichtslose“ Opfer, wie er es selbst für die Lagerprosa gefordert hat. Die meisten Protagonisten werden mit Namen genannt. Ihr Vorleben spielt eine Rolle. Kubanzew, ein hartgesottener Militärchirurg, der des besseren Verdienstes wegen in den Hohen Norden gegangen ist, zeigt sich handlungsunfähig und hilflos angesichts der ersten Schiffsladung mit Häftlingen, die er behandeln soll – so entsetzlich ist der Zustand derer, die die Reise überlebt haben. Der gefangene Chirurg Braude muss das Kommando übernehmen. Er hat dergleichen schon oft erlebt.

Am fünften Dezember des Jahres neunzehnhundertsiebenundvierzig lief das Dampfschiff „KIM“ mit menschlicher Fracht – dreitausend Häftlingen – in die Bucht von Nagajewo ein. Unterwegs hatten die Häftlinge revoltiert, und die Leitung beschloss, alle Schiffsräume unter Wasser zu setzen. All das geschah bei vierzig Grad Frost. Was Erfrierungen dritten, vierten Grades sind, wie Braude sagte – oder Abfrierungen, wie Kubanzew sich ausdrückte – , konnte Kubanzew am allerersten Tag seines einträglichen Dienstes an der Kolyma erfahren.

Die Erzählungen in „Linkes Ufer“ sind historisch und geographisch verortet, während der erste Zyklus die Lagerwelt als etwas in sich Geschlossenes in einer fast abstrakten, zeit- und namenlosen Frost- und Schneewüste zeigte, am „Pol der Grausamkeit“, wie Schalamow einmal schrieb. In der Erzählung „Das letzte Gefecht des Majors Pugatschow“ behandelt der Autor ein besonders tragisches und lange unterdrücktes Kapitel sowjetischer Kriegsgeschichte: Zwölf russische Offiziere, die in deutscher Gefangenschaft waren und deshalb zu Lagerhaft verurteilt wurden, unternehmen einen Ausbruchsversuch, der zum Scheitern verurteilt ist.

In „Lend-Lease“ geht es um den Missbrauch von Fahrzeugen und Maschinen, die Amerika der Roten Armee im Krieg für den Kampf gegen Hitler lieferte und wovon die Lagerleitungen in der Nähe der Pazifikhäfen einiges für sich abzweigten – keineswegs jedoch, um das Los der Gefangenen zu erleichtern. So besteht der Arbeitseinsatz eines funkelnagelneuen amerikanischen Bulldozers darin, die steif gefrorenen Leichen von Häftlingen aus einem Massengrab in ein anderes zu schieben. Etliche andere Erzählungen behandeln Verrat und Denunziation, die für die Betroffenen oft die Verurteilung zu weiteren zehn, fünfzehn Jahren Haft bedeuteten.

1956 war Schalamow, wie Hunderttausende andere Opfer, rehabilitiert worden. Eine schonungslose Diskussion über die Verbrechen Stalins und seiner Schergen erlaubte das sowjetische Regime jedoch keineswegs. Es gab keine Wahrheitskommissionen, vor denen die Verantwortlichen und Abertausende von Helfershelfern, die ihre hungernden, wehrlosen Landsleute gequält hatten, Rechenschaft hätten ablegen müssen. Schon gar nicht gab es eine angemessene Kompensation für das Erlittene, für die unentgeltliche Schinderei in sibirischen Gold- und Uranbergwerken.

Mit jedem Tag in den Gruben von Dshelgala immer schwächer werdend, hoffte ich, ins Krankenhaus zu kommen, und dort würde ich sterben oder mich erholen, oder sie schicken mich irgendwohin. Ich fiel um vor Müdigkeit und Schwäche und schleifte beim Laufen die Füße über den Boden, – eine winzige Unebenheit, ein Steinchen, ein Hölzchen auf dem Weg waren unüberwindlich. Doch in der Sprechstunde goss mir der Arzt jedesmal Kaliumpermanganat in eine kleine Blechkelle und krächzte, ohne mir in die Augen zu schauen: „Der nächste!“ Kaliumpermanganat verabreichte man innerlich gegen die Ruhr, man bepinselte damit Erfrierungen, Wunden und Verbrennungen. Kaliumpermanganat war das universelle und alleinige Heilmittel im Lager. Eine Arbeitsbefreiung gaben sie mir kein einziges Mal – der treuherzige Sanitäter erklärte, „das Limit ist erschöpft“. Kontrollziffern für die Gruppe „W“, „vorübergehend von der Arbeit befreit“, gab es tatsächlich für jeden Lagerpunkt, für jedes Ambulatorium. Das Limit „überschreiten“ wollte niemand, allzu weichherzigen gefangenen Ärzten und Feldschern drohten die allgemeinen Arbeiten. Der Plan war der Moloch, der Menschenopfer forderte.

Die Literatur übernahm die Anklage, indem sie den Opfern ihre Stimme lieh. Doch von wenigen Ausnahmen abgesehen – Alexander Solschenizyns „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ gehört dazu – wurden diese Texte erst gedruckt, als die Sowjetmacht unterging. Außer ein paar Gedichten konnte Warlam Schalamow nichts veröffentlichen. Er lebte in Moskau von einer kümmerlichen Rente, verbittert, krank an Körper und Seele. Unter der fehlenden literarischen Anerkennung litt er mehr als unter seiner materiellen Lage. 1982 ist Schalamow in einer Moskauer Nervenheilanstalt gestorben.

Anders als Alexander Solschenizyn, der auf tradierte Formen zurückgriff, erprobte Schalamow neue literarische Mittel, um die Qualen der Opfer und die Grausamkeit, Sattheit und den Zynismus der Verantwortlichen zu vergegenwärtigen. Mit äußerster erzählerischer Disziplin erreichte er eine extreme Verdichtung, deren Kraft den Leser in wahren Schockwellen trifft. Seine Erzählungen sind Destillate des Schreckens, die man nur in kleinen Dosen verträgt.

Alexander Solschenizyn wird man als politischen Autor im Gedächtnis behalten, als denjenigen, der den „Archipel GULAG“ ins Gedächtnis der Welt prägte. Aus seinem Schatten ist Warlam Schalamow längst herausgetreten, sein überlegener literarischer Rang ist unbestritten. Der zweite Band der „Erzählungen aus Kolyma“ wird auch neue Leser davon überzeugen.

„Linkes Ufer“
Erzählungen aus Kolymna. Band 2 des russischen Schriftstellers Warlam Schalamow
(Matthes & Seitz Verlag)

Den ganzen Artikel  von Brigitte van Kann lesen:
http://www.deutschlandfunk.de/ein-gefangener-des-gulag.700.de.html?dram:article_id=83931

😦

Gulag Moloch

Letzter deutscher WW2-Gefangener nach 69 Jahren GulagHaft freigegeben

#4 von Jurij Below am 25. Oktober 2015 – 13:32

Danke für diese Publikation. Ob dabei eine Rolle Beifall spielt – ist gar nicht wichtig, Als ich in einem sowjetischen KZ war, (1963-1979) da traf ich dort ganze Menge Menschen: insbesondere aus der Ukraine, Baltischen Länder Litauen, Lettland und Estland, die bereits 30-40 Jahre im Gulag verbracht haben. auch waren dabei über 50 deutschen Kriegsgefangenen, die wegen der Teilnahme bei der Unruhen im Gulag nach Stalins Tod durch NKWD zu 20-25 Jahren Haft verurteilt wurden – berichtete von vielen deutschen Kriegsgefangenen, die zwischen Workuta (Nordsibirien östlich vom Ural und Magadan nördlich von Wladiwostok als “Kriminelle” zusätzlich verurteilt worden waren. Ganz andere Sache mit den deutschen Kriegsgefangen, die angeblich im Gulag von der jüdisch-bolschewistische Tyrannei gesprochen – wurde als politischen Gefangene im Komplex von Perm (im Ural) und Temniki (400 km östlich von Moskau) mit 20-25 Jahre ohne Gericht
“verurteilt” – aber keine schwere Arbeit; wie im Norden und Osten des Landes leisten müssten, sondern Möbel, Ersatteile für Autos, Radio- und Fernsehen Geräte, sowie Soldaten- und Gefangener Kleidung zu nähen.
Eigentlich nach der Londoner Abkommen 1947 sollten Kriegsgefangen entlassen werden, aber wegen der sog. Kalten Krieges wurden bis 1955 nach Stalins Tod 1953 im Gulag bleiben. Nur zwei Jahre später wurden durch Brieten italienische und rumänische Kriegsgefangen sowie aus der britischen KZ und auch sowjetischen KZ heimkehren.
Genauer “offiziellen” Zahlen der Kriegsgefangen bis heute nicht veröffentlicht. So ist die Wahrheit.
69 Jahre Haft konnte ich mich vorstellen, weil die längste Haftzeit von litauischer Kardinal Petras Kasimiras Paulaitis verbrachte 49 Jahre seines Lebens im Gulag und wurde erst nach Zusammenbruch der “UdSSR” 1991 entlassen.
Sie können mehr von mir erfahren unter http://www.jubelkron.de
Liebe Grüße aus Frankfurt/Main

Jurij Below,
der den “Holocaust” mit der Zahl von 6 Millionen jüdischen Opfer nicht erlebt, aber schon über 120 Millionen Opfer der jüdisch-Bolschewistischen Terrors 1917-1991 während 16 Jahren Haft in der “UdSSR” tausenden den Ukrainer, Balten und auch vielen Deutschen aus West und Ost im Gulag erlebt.

https://akivoegwerner.wordpress.com/2014/07/15/russland-letzte-ww2-deutschen-prisoner-schlieslich-von-gulag-freigegeben/#comment-6711

Moloch Gulag

😦

Das Wort: hier spricht die Geschichte

😦

Jurij Below bei BildDung

😦

Soviet story

😦

Stalin

😦

Gulag

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Sowjetunion (UdSSR)
von 1922 bis 1991 bestehender
sozialistischer Staat
Eigenbezeichnung: Sovjetskij Sojus

Ursprung des Landesnamens:

Der Name „Sowjetunion“ war eine Abkürzung des offiziellen Namens „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“. „Sowjet“ heißt „Rat“, im bolschewistischen Sinne ein Rat, der sich spontan aus Arbeitern und Bauern bildet und ohne demokratische Legitimation handelt.

😦

Die Sowjetunion nannte sich amtlich „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“. Man könnte denken, es handelte sich um einen Staatenbund diverser Sowjetrepubliken. Das war auch beabsichtigt, und einige von ihnen hatten sogar einen Sitz in der UNO. In der Realität handelte es sich um einen einzigen Staat, mit einer einzigen Staatsbürgerschaft, den Erben des Russischen Reiches unter der Führung der kommunistischen Partei. Die Durchsetzung des Bolschewismus, der sozialistischen Politik Lenins, der bis 1991 etwa 60 Millionen Menschen im Lande zum Opfer fielen, war bei den Völkern des Russischen Reiches gelungen, in dem man ihnen „Autonomie“ in zahllosen eigenen „Sowjetrepubliken“ versprach. In Wirklichkeit wurden die Führer und Eliten der Völker im Nachhinein ermordet, und es gab von Anfang an nur die zentralistische, kommunistische und russische Politik Moskaus.

http://www.flaggenlexikon.de/fudssr.htm
😦

Über Reiner Dung

BildHauer - BildDung für das VOLK https://bildreservat.wordpress.com/ http://bilddung.wordpress.com/ https://bilddunggalerie.wordpress.com http://pleitegeier-pofinger.blogspot.de/ http://bild-dung.blogspot.com/
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